Raus aus der Komfort-Zone

Wie Krisen unser Denken beeinflussen und was wir daraus lernen.

Ein unsichtbarer Feind, ein Virus hat sowohl das soziale Leben, aber auch die Weltwirtschaft im Griff. Wir allen sehen uns mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert. Unser Leben ist neustrukturiert, unsere Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Ein klares Bild prägt das öffentliche Leben, Menschen mit Masken in Einkaufszentren, eher leere Geschäfte, Sicherheitspersonal vor öffentlichen Einrichtungen, Zugangskontrollen wo man hinsieht und die allgegenwärtige Angst davor, anderen nicht zu nahe zu kommen. Viele Unternehmen stehen schon jetzt, nach knapp zwei Monaten vor dem wirtschaftlichen Ruin, Menschen haben Angst um Arbeitsplätze, um ihre Zukunft, verfallen in Lethargie oder Depressionen und sind sich nicht sicher, wie das weitergehen soll. Die Nachrichten machen es uns nicht leichter, zeichnen ein düsteres Bild der Zukunft und mancher fühlt sich sogar an die Szenarien eines Pandemie Thrillers aus Hollywood erinnert.

Doch es gibt eine andere Seite der Situation, die Kehrseite der Medaille. Die, die uns hoffen lässt, dass es nach einer Krise wieder normal zugehen wird, dass wir zu einem vermissten und geliebten Leben zurückkehren werden. Ob das möglich sein wird, oder ob sich unsere Welt vollkommen verändern wird, kann heute noch keiner sagen.

Was aber sicher ist und auch schon deutlich erkennbar:

Es wird Veränderungen geben! Veränderungen, wie es sie schon immer in der Geschichte der Menschheit gegeben hat und die eine neue Ära bedingen, in der andere Werte im Vordergrund stehen, nach denen wir unser Leben und Arbeiten richten werden. Unabhängig wie weitreichend in der Vergangenheit die Veränderungen waren, haben sie uns schon immer zu einem Umdenken, ja sogar einem Neudenken gezwungen und uns vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Denken wir doch einfach mal an Henry Ford oder Edisson, die mit Ihren Erfindungen die Industrialisierung vorangetrieben haben oder an andere, die das Zeitalter der Digitalisierung einläuteten, all die Pioniere, die das Leben in eine neue Realität gebracht haben. Dieses Mal ist kein Erfindergeist in der ersten Konsequenz für die Veränderung verantwortlich, sondern eine Pandemie, die uns dazu zwingt. Und das auf radikale Weise, kaum mehr aufzuhalten.

Was noch vor wenigen Monaten undenkbar war, wovor viele Menschen, Konzerne und Organisationen Respekt hatten, wenn nicht sogar Angst, ist heute, durch die Krise, zur Normalität geworden. Anstatt jeden Tag zum Arbeitsplatz zu fahren, Blechlawinen durch Städte und auf Autobahnen zu bewegen, Kurz- und Langstrecken zu fliegen, um an Meetings und Besprechungen teilzunehmen, bleiben viele von uns zuhause. Wir richten unseren Arbeitsplatz dort ein, wo wir leben und gewöhnen uns an eine völlig neue Realität. Das Zusammenspiel von Arbeit und Leben, also die vorher immer wieder geforderte Work-Life-Balance bekommt eine neue Dimension, und Freizeitaktivität eine neue Qualität, weil sie eben nicht mehr die gewohnte Normalität darstellen, sondern wieder einen höheren Stellenwert in unserem Leben innehalten. Es zählt Qualität und nicht Quantität.

 

Im Jahr 2001 kamen 17 führende Softwareentwickler, unter Ihnen Jeff Sutherland und Ken Schwaber zusammen und formulierten das, was wir heute als das „Agile Manifest“ kennen. Ursprünglich einmal als Regelwerk oder Prinzipien von agiler Software-Entwicklung gedacht, begleitet dieses Manifest heute viele Teams in Ihrer täglichen Arbeit und wird auch gerne umformuliert, um die Kernprinzipien einer Abteilung, oft auch ganzer Unternehmen zu definieren. Lassen Sie es mich noch einmal in Erinnerung rufen:

  1. Individuen und Interaktionen stehen über Prozessen und Werkzeugen
  2. Funktionierende Software steht über einer umfassenden Dokumentation
  3. Zusammenarbeit mit dem Kunden steht über Vertragsverhandlungen
  4. Reagieren auf Veränderungen steht über dem Befolgen eines Plans

In den letzten Wochen habe ich mich gefragt, was wohl diese 4 Prinzipien mit der veränderten, durch eine Krise getriebenen, Situation zu tun haben könnten. Dabei ist eines klar geworden, nämlich das genau dieses Manifest, passgenau übertragen auf die neue Arbeitswelt, die Richtlinie sein kann, damit das gelingt, was uns, durch radikale disruptive, Veränderungen aufgezwungen worden ist:

  1. In Zeiten von Home-Office und sozialer Distanz gilt es, den Menschen in den Vordergrund zu stellen. Mitarbeiter durch ein neues Werteverständnis zu führen. Vertrauen, Mut zu Veränderung, Fehlerakzeptanz, Fokus, Kommunikation und Zusammenarbeit müssen die neuen Werte sein, die unser Handeln prägen. Das bedeutet, dass es nicht mehr so wichtig ist, auf klare Strukturen zu setzen und Arbeit prozesshaft zu gestalten, sondern vielmehr den Menschen hinter den Werkzeugen den notwendigen Respekt entgegenzubringen, dass alles, was erledigt werden muss, auch erledigt wird. In Einklang mit Familie, Freizeit und täglichen Herausforderungen. Fehler zu respektieren, aus denen neue Lernschleifen generiert werden und die Kommunikation untereinander im Fokus des Wesentlichen zu halten, macht Sinn und führt zu Ergebnissen.
  2. Anstelle von Kennzahlen getriebenen, seitenlangen Arbeitsdokumentationen und Listen ist es sinnvoller darauf zu achten, dass die Ergebnisse stimmen. Das Ziel einer jeden Zusammenarbeit in Teams muss es sein, schnell, und gegebenenfalls auch innovativ, zu einem marktfähigen Ergebnis zu kommen, anstatt seine Energie darauf zu verwenden, auszuwerten und kleinteilig zu dokumentieren. Auf diese Art schaffen wird ein neues Verständnis der sogenannten „Definition of done“. Fertig ist, was benutzbar ist und nicht das, was beschrieben werden kann. Wir schaffen Marktvorteile und vielleicht sogar den entscheidenden Vorsprung vor anderen.
  3. Den Kunden in den Fokus nehmen und darauf achten, was dieser jetzt braucht, macht Sinn. Gerade aufgrund dieser neuen Situation wird der Kunde, ob intern oder extern immer informierter, wenn gleich sogar mündiger, und nutzt der Möglichkeiten von Digitalisierung mehr noch, als in den Monaten und Jahren zuvor. Zugänge zu Informationen sind schon seit Langem vorhanden, doch werden sie jetzt mehr als zuvor, intensiver genutzt. Das zeigen auch deutlich die Statistiken von Google und Co., welche Seitenaufrufe und Suchanfragen dokumentieren. Den Abnehmer unserer Produkte und Dienstleitungen im Auge zu haben, seine Wünsche und Bedürfnisse zu kennen, führt zu einer klaren Zentrierung auf das Wesentliche, nämlich auf den- oder diejenige, welche in der letzten Konsequenz für die Wirtschaftlichkeit einer Unternehmung verantwortlich ist.
  4. Veränderungen lassen sich nicht planen, das zeigt uns die Corona Pandemie in aller Deutlichkeit. Hätten wir einen Plan gehabt, wäre die Situation anders verlaufen, als die, derer wir uns jetzt stellen müssen. Doch bei aller Planungssicherheit, allen Vorhersagen und jeder Zukunftsperspektive ist die Bereitschaft, sich einer Veränderung zu stellen und aus ihr zu lernen, wesentlicher Bestandteil einer wachsenden Gesellschaft. Mut zeigen und Neudenken sind die Schlagworte. Denn, wer nicht wagt, wird auch nicht gewinnen.

Fazit: Das agile Manifest kann und sollte in Zeiten von Krisen eine Leitlinie für neues Denken und Handeln sein und kann für uns eine Idee sein, wie wir die Zukunft neugestalten können. Nicht alles, was passiert ist, zwangsläufig, schlecht, auch wenn derzeit die Schattenseiten unser Leben bestimmen. Agiles Denken und Handeln kann uns aus der Schockstarre befreien und neue Möglichkeiten eröffnen. Wir können uns, mit dem richtigen Mindset, aus starren Strukturen lösen und innovativ in eine völlig veränderte Zukunft starten. Sicherlich kein leichtes Unterfangen, aber wenn wir einmal an die Vergangenheit denken, wird uns schnell klar, dass uns jede neue Situation vor die Herausforderung gestellt hat, uns von alten Mustern und Gewohnheiten zu lösen. Das fühlt sich erstmal ungewohnt an, manchmal sogar unangenehm und zwingt uns dazu aus unserer Komfortzone herauszugehen. In der Konsequenz aber erwachsen neue Chancen. Ja, viele von uns befinden sich derzeit in ihrer ganz persönlichen Angstzone, doch es ist das Wagnis wert, man einen Schritt in Richtung Lernzone zu versuchen. Vielleicht entstehen völlig ungeahnte Wachstumschancen.

Über den Autor:

Marc Schmetkamp ist Trainer, Coach und Moderator. Als agiler Botschafter versteht er sich darauf, Menschen aus der Reserve zu locken und kreativ aus der Komfortzone zu begleiten. In vielen Workshops war er Wegbereiter zu neuen Ansätzen, hat spielerische Lerninhalte vermittelt und Unternehmen, Teams und Organisationen in der agilen Neuausrichtung begleitet. Mit seinen Seminaren in Design Thinking, agilen Methoden und agilen Coach- und Trainerausbildung setzt er auf selbstorganisiertes Lernen und Interaktionen. Vielfältige Kooperationen mit namhaften Instituten sorgen für ein breites Angebot.

 

 

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